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Christian Lehnert
Rede zur Finissage der Ausstellung
Gesichter tauchen neblig aus dem offenen Raum. Sie nehmen Gestalt an und verschwimmen zugleich. Sie beginnen eine Geschichte zu erzählen und plötzlich schweigen sie wieder, verstummen und tauchen in einen Dunstschleier zurück. Mal erscheinen sie wie bekannte Gesichter auf der Straße, wie Passanten, die vorüberziehen, dann wie Erinnerungen aus ferner Zeit, dann wieder wie Masken voll von archaischer Kraft und vermischt mit einer seltsamen Fremde.
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| Nur ein Detail zu ihrer Verwandelbarkeit: Während diese Ausstellung hier hing, schossen über Wochen tausendfach die Porträts des toten Michael Jackson über die Bildschirme. Das hat meine Sicht beeinflusst. Unsere Zeit weiß doch genau, was Prósopon auch bedeuten kann - die massiven Eingriffe in das, was ein Gesicht darstellen soll. Die Gesichtoperationen Michael Jacksons sind nichts weiter als ein Gesichtverlust um des Gesichtes willen. Prósopon – das ist im Griechischen auch die Maske. Das eigene Gesicht bleibt dem Menschen eben immer auch etwas Fremdes. So habe ich dann auch diese Köpfe erlebt. Sie sind in gewisser Hinsicht auch einfach nur gemacht. „Kunst muss klären.“ – so nannte Martin Hoffman in einem Interview einmal einen Leitsatz seiner künstlerischen Bemühungen. In diesen Köpfen wird nicht mehr und nicht weniger klar als das, was ein Gesicht ist. Einen Grund für ihre Nähe zu mir glaube ich, erkannt zu haben. Diese Gesichter suchen Nähe, sie suchen das Beteiligtsein. Wir haben das in den letzten Wochen hier in der Akademie erlebt, wie diese Köpfe dabei waren, bei Lesungen von Hartmut Lange oder Volker Braun, bei Tagungen und bei Diskussionen. Ich hatte den Eindruck, diese Köpfe fühlten sich hier wohl. Sie waren dabei, sie haben den Raum verwandelt. Ich vermute, diese Köpfe vertragen keine Einsamkeit. Martin Hoffmann hat als Künstler eine große Bandbreite von Formen. Zwei Bilder, die über die Köpfe hinausweisen auf sein weiteres Schaffen hängen hier im Flur. Es sind plakatartige Werke mit klaren semantischen Profilen: Hier will jemand etwas sagen. Da hängt ein Porträt, geklebt aus lauter Strichcodes – das spricht für sich. Martin Hoffmann hat in den 1970er und 80er Jahren Graphiken in einem fast bedrohlichen Purismus gestaltet. Da waren keine Menschen zu sehen, nur kahle Dinge und Räume. Sie trugen die bezeichnenden Titeln: „U-Bahnhof (Einfahrt)“, „Die Tür und das Zimmer“ „S-Bahnhof-Treppe“ oder „Fußgängerunterführung“. Der Mensch - das war eine Leerstelle in diesen Bildern. „Kunst“, so Martin Hoffmann, „muss darauf bestehen, dass jede Entwicklung dahin gerichtet ist, der Würde des Einzelnen Raum zu schaffen.“ Leere Räume waren die konsequente Reaktion auf eine Gesellschaft in der DDR, wo eben kein Raum war für die Würde des Einzelnen. Heute findet die Verpflichtung der Kunst gegenüber der Würde des Einzelnen ihren Ausdruck in Collagen. Fragile Gebilde, eben entstanden und kurz vor dem Zerfall, Gebilde, die die ganze Fraglichkeit menschlicher Identität in unserer heutigen ökonomisierten und medial geformten, schnellen Welt zeigen. Dabei sind sie schön und voller Kraft. Es gäbe viel zu sagen zu Martin Hoffmanns brisanter Plakatkunst, vor allem aber auch zu seinen Arbeiten an Büchern, illustrierend, umhüllend, ja das Buch selbst formend. Dazu muss ein anderes Mal Zeit sein – vielleicht ja im Rahmen einer Ausstellung zu seiner Druckgraphik. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit. |
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