Mauern
Bausteine und Bruchstücke
Ein Ausstellungsprojekt
der Staatskanzlei des Landes Brandenburg
und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung
1999
Idee
und Realisierung
Martin Hoffmann mit Stefanie Oswalt
Jens
Lindner und Peter Böthig
Die mit Beton und Stacheldraht gezogene Mauer war die zuweilen – weil unabänderlich scheinend – verdrängte Existenzbedingung in der DDR: für die Einwohner die zu erduldende, für das Regime die notwendige. Vor 1989 wurde ›die Mauer‹ über ihre Funktion der Einmauerung der Bevölkerung eines Landes hinaus zum Symbol für die gesellschaftliche Erstarrung – die Einzelnen lebten nicht nur ›angepaßt‹.
Die Ausstellung thematisiert ›Mauern‹ und spürt unterschiedlichen Brechungen und indirekten Erscheinungsformen ›der Mauer‹ nach. Dabei richtet sie mit Beispielen aus den 80er Jahren den Blick auf Potsdam und das heutige Brandenburg.
Die Ausstellung versteht sich als Teil eines Diskurses über Vorgeschichten, Abläufe und Nachwirkungen des Jahres 1989. Vielleicht gelingt es, seither entstandene Ansichten und Deutungen infrage zu stellen.
In den Foyers der Staatskanzlei wurden Installationen, Fotos und Plakate von Künstlern aus Brandenburg und Berlin gezeigt. Sie thematisierten sowohl Absichten derer, die die Mauer „noch in hundert Jahren stehen“ haben wollten, totale Ansprüche, denen die DDR-Bürger ausgesetzt waren, sowie Versuche, sich zu behaupten – bis zur Massenflucht von 1989 und dem Beitritt zur Bundesrepublik.
In den Räumen der Landeszentrale konnten Dokumente, Texte und Fotos beispielhaft erinnern und erhellen, wie Menschen im Land hinter / vor / trotz / mit ›der Mauer‹ lebten. Staatliche und ideologische Disziplinierungen kommen ins Bild wie auch Bewegungsversuche gegen Abgrenzung und Stagnation.
Werke von
Christian Borchert, Manfred Butzmann, Roger Drescher, Ingrid Hartmetz, Martin
Hoffmann, Joseph W. Huber, Karl-Ludwig Lange, Ute Mahler, Katharina Müller,
Jürgen Nagel, Peter Rohn u.a.
Die Rede von Gerhard Rein zur Eröffnung im November 1999

Mauer aus Gasbetonsteinen
3 m x 7,20 m
Auf der Mauer sind als ›Bausteine‹ bzw. ›Bruchstücke‹ Seiten aus DDR-Zeitschriften angebracht.
Von unten nach oben in Schichten:
Natur ·
Dorf, traditionelle Arbeit, historische Bausubstanz ·
Industrie, Braunkohlentagebaue, Massenwohnungsbau ·
Geburt, Kindheit und Jugend · Arbeit · oben links die Selbst-
Inszenierung der Machthaber, in der Mitte Grenztruppen
und rechts Alltagsleben und Freizeit

›Gedenktafel‹ über Aenne und Frieder Schlotterbeck
1,5 x 3 m
Fast die gesamte Familie des Kommunisten Frieder Schlotterbeck wurde von den Nazis umgebracht – kleine Fotos vorn und sein Brief „aus einem Totenhaus“.
Er verfasste 1956 seinen „letzten Willen“ – nach der Freilassung aus mehrjähriger Zuchthaushaft in der DDR, der auf der großen Tafel zu lesen ist.
In dem Text
schreibt er über die Anschuldigungen, die Verhaftung, den Prozess,
die Haftbedingungen und die Bemühungen um Rehabilitierung.
Die
Sperrholztafel nimmt die Form einiger DDR-Gedenkstätten für Opfer
des Naziregimes auf.

10 Titelseiten der Zeitung »Neues Deutschland«
Am
zweiten Sonntag im September wurde auf dem Bebelplatz in Berlin die zentrale
Kundgebung zum Gedenktag für die Opfer des Faschismus ›durchgeführt‹.
Hier hängen die ND-Ausgaben vom Montag danach aus den Jahren 1980 – 1989.

Wandzeitung
Aus dem
großen Bild des Berichtes der Illustrierten »Für Dich« über den Bauernkongress
1987 wurden 20 Porträts herausgescannt. Darunter die Original-Illustrierte. Ganz
unten
einige vergrößerte Zeilen aus dem Text.
Links und
rechts der Wandzeitung die zur Wand gedrehten Amtsstuben-Bilder von
Erich Honecker und Willi Stoph.

Filme und Black box
Dienstvorschrift des DDR-Innenministeriums, nach der über Anträge auf Reisen ins Ausland und »Ständige Ausreisen« entschieden wurde.
Einige
Seiten wurden gescannt und einzelne Paragraphen vergrößert.
Die Vorschrift enthält auch vorformulierte Ablehnungen bzw. Antworten auf
Beschwerden.
Auf dem letzten der 14 Filme sind ein Reisepass mit eingestempeltem Visum für eine 15-tägige »Reise in dringenden Familienangelegenheiten« und eine Urkunde zur »Entlassung aus der Staatbürgerschaft« der DDR zu sehen.

Litfaßsäulen
Unter den
Mottos »an Mauern« · »mit Mauern« · »durch Mauern« · »trotz Mauern« ·
»in
Mauern« ·
»über Mauern« sind Abbildungen, Fotos und Dokumente aus der DDR-Gesellschaft in
den 80er Jahren ausgestellt.
an Mauern
Losungen, Material für Wandzeitungen und Wahlergebnisse neben Fotos vom Verfall in den Städten und Betrieben sowie Ergebnisse der unabhängigen Zählung bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989.
mit Mauern
Disziplinierung in Kindergarten, Schule, FDJ, Studium und im Betrieb · Anträge für Wohnung bzw. Auto · Gemütlichkeit in Nischen
in Mauern
Innenpolitische Repression durch die »Volkspolizei« und das Ministerium für Staatssicherheit · Schema der Personendatenbank · Dokumentation des gescheiterten Versuchs der Stasi, -einen Mann als Spitzel zu verpflichten · Verriegelte Zeit: Standfotos aus dem Dokumentarfilm über Inhaftierung, Prozeß, Haft und Abschiebung von Ausreisewilligen · Fotos vom Mitmachen: Spalierstehen, Sitzungen und Beflaggen · Abschottung und Luxus der Funktionärseliten
durch Mauern
Karten, Dokumente und Fotos zum tiefgestaffelten System der »Grenzsicherung« · Dienstplan einer Kompanie · Vorschriften für die Einwohner im grenznahen Gebiet · Reisegesetz von 1988 · Transit nach Westberlin · Übungs- und Meldeschemata bei Fluchtversuchen
über Mauern
Einflüsse
aus dem Westen auf die DDR-Gesellschaft:
Fernsehen · Intershop · Mode · Lebensstile · Ausstellungen und Gastspiele ·
Ideologien
trotz Mauern
Massenflucht über Ungarn und Prag im Sommer und Herbst 1989 · alternative Kultur · Umwelt-Gruppen · Opposition und Selbstbehauptung mit und ohne Kirche · Manifeste zur Veränderung · Zukunftswerkstätten · Demonstrationen am 7. Oktober 1989

Wellen
6 Streifen auf einer Sperrholzfläche von 9 x 1,5 m
In Streifen
sind für jede Ausgabe zwischen 3. Oktober 1989 und 3. Oktober 1990 ausgewählte
Überschriften aus der »Berliner Zeitung« nebeneinander angeordnet.
Jeder der 6 Streifen enthält Überschriften jeweils eines Wochentages: Montage,
Dienstage …
Samstage/Sonntage.
Die Überschriften zeigen den Ablauf vom Anfang Oktober 1989 mit Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum der DDR über die Maueröffnung, die Wahlen am 18.März 1990, die Währungsunion am 1. Juli bis zum Beitritt zur Bundesrepublik.
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